Tierschutzverein des Landkreises Garmisch-Partenkirchen e.V. | Tel. 0 88 21 / 559 67 | Notfallnummer 0160 / 951 342 00
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MONTAG und DIENSTAG GESCHLOSSEN
In der Nacht auf Samstag, den 20. Mai 2006 betrat nach 171 Jahren mit JJ1, Kosenamen Bruno, wieder ein Bär den Freistaat. Den letzten Bären hatte Forstaktuar Ferdinand Klein am 24. Oktober 1835 in Ruhpolding erlegt. Bruno stammte aus dem südtiroler Adamello-Brenta-Naturpark. Seine Mutter Jurka wurde 1998 in Slowenien geboren und 2001 zur Wiederbelebung der Brenta-Bärenpopulation in Südtirol freigelassen. Brunos Vater Joze stammt ebenfalls aus Slowenien.

Für Bayern war der Bär erst einmal eine große Sensation und ein Geschenk. Der damalige bayerische Umweltminister Werner Schnappauf am 21. Mai 2006: "Der Braunbär ist in Bayern willkommen. Die großflächigen Schutzgebiete im Allgäuer Ammergebirge bieten ungestörten Lebens- und Rückzugsraum." Bereits einen Tag später erklärte Schnappauf: "Wir werden den Bären zum Abschuss freigeben". Bruno hatte inzwischen in Graswang drei Schafe und in Grainau sechs Hühner und vier Tauben und drei Schafe gerissen. Nachdem ein Sturm der Entrüstung über das Umweltministerium hereinbrach, ruderte Schnappauf zurück: Bruno soll eingefangen werden.

Nun beginnt eine beispiellose Jagd.

Zuerst heften sich WWF-Leute mit metallenen Röhrenfallen auf seine Spur.
Dann liegen Tiroler Jäger mit Betäubungsgewehren auf der Lauer. Bruno narrt alle. Er wechselt ständig zwischen Bayern und Tirol und spaziert z.B. am 16. Juni 2006 seelenruhig an der Polizeiwache in Kochel vorbei.
Bruno wird für die einen Kult: Über ihn wird weltweit berichtet. In unserem Tierheim in Garmisch klingelt pausenlos das Telefon. Menschen aus ganz Deutschland erkundigen sich, wie der Bär zu retten sei und eine Anruferin aus Berlin bat mich sogar, Bruno einzufangen und im Tierheim in einem Hundeauslauf "sicherzustellen".
Für die anderen ist Brunoinzwischen eine Bedrohung. Er ist zum "Problembär" geworden, der den damaligen Bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber zu einer denkwürdigen Rede inspirierte: "Natürlich freuen wir uns, das ist gar keine Frage, freuen wir uns... und die Raktion war völlig richtig.. einen sich normal verhaltenden Bär in Bayern zu haben. Nun haben wir einen normal verhaltenden Bär, lebt im Wald , geht niemals raus und reißt vielleicht ein bis zwei Schafe im Jahr. Wir haben dann einen Untrschied zwischen dem normal sich verhaltenden Bär, dem Schadbär und dem Problembär. Und es ist ganz klar, dass dieser Bär ein Problembär ist, und äh, es ist im Übrigen auch im Grunde genommen durchaus ein gewisses Glück gewesen, der hat um ein Uhr nachts praktisch diese Hühner gerissen..."
Henning Wiesner, der damalige Leiter des Münchner Tierparks Hellabrunn, Betäubungsexperte für Großtiere, hatte sich mehrfach angeboten, Bruno zu betäuben und einzufangen.
Am 23. Juni 2006 erlässt die Regierung von Oberbayern eine Allgemeinverfügung zum "Abschuss des Braunbären (Ursus arctos) "JJ1" im Regierungsbezirk Oberbayern.
Der Deutsche Tierschutzbund, Landesverband Bayern fordert die Bayerische Staatsregierung auf, von der Abschussgenehmigung keinen Gebrauch zu machen und mit Hilfe von Fachleuten den Lebendfang von Bruno zu realisieren.
Schnappauf läßt nun fünf finnische Bärenjäger mit ihren Elchhunden einfliegen. Bruno entwischt ihnen immer wieder. Nach zwei Wochen geben die Finnen auf, Bruno wird endgültig zum Abschuss freigegeben.
In der Nacht zum 26. Juni 2006, um 4.50 Uhr krachen an der Rotwand am Spitzingsee drei Schüsse. Bruno ist tot.
Eine Welle der Entrüstung bricht über den Freistaat herein. Schliersee ist jetzt die "Bärenmördergemeinde". Vor dem WM-Halbfinale Deutschland gegen Italien titelt die Süddeutsche Zeitung "Rache für Bär Bruno!" Deutschland verliert 0:2.
Der italienische Umweltminister Alfonso Pecoraro Scanio fordert den toten Bruno zurück, weil dieser italienisches Staatseigentum sei. Daraus wird nichts. Bruno kommt nach München. Im Museum Mensch und Natur. Dort kann der Bär jetzt im ersten Stock in einer Glasvitrine besichtigt werden.
Kurz darauf wird beim Bayerischen Umweltministerium die Arbeitsgruppe "Wildtiermanagement Große Beutegreifer" eingerichtet, die Managementpläne für den Umgang mit Bär, Wolf und Luchs erarbeitet. Dieser gehöre ich als Vertreterin der Tierschützer an.
Heute 10 Jahre später denke ich an die Tage zurück, in denen Bruno bei uns war. Ich weiß noch, wie sehr ich mich, als bekennende Bärenfreundin (ich habe schon viele Bären in Kanada und Alaska fotografiert und beobachtet) über die Einwanderung gefreut habe. Tatsache war aber, dass Bruno, genau wie sein Halbbruder JJ2 von seiner Mutter Jurka falsch geprägt wurde. "Den ganzen Unsinn hat ihnen die Mutter beigebracht", brachte es damals der Wildbiologe Andreas König auf den Punkt. Es hätte aber durchaus die Möglichkeit gegeben, ihn zu betäuben und einzufangen. Schließlich konnten z.B. zwei Berggeher Bruno stundenlang beobachten und fotografieren. Schade war, dass ausgerechnet ein Bär nach 175 Jahren Bärenfreies Bayern zurückkam, der kein "normales" Bärenverhalten zeigte und viele Haustiere riss. Dadurch hat er den Bären, die hoffentlich wieder zu uns kommen einen "Bärendienst" erwiesen.
Tessy Lödermann

Chronologie der Ereignisse 2006:
10. Mai: Bruno taucht in St. Gallenkirch in Vorarlberg auf.
18. Mai: Bruno wird auf der Gehren-Alm in Tirol fotografiert
19./20. Mai : Bruno betritt im Graswangtal bei Schloss Linderhof bayerischen Boden und reißt drei Schafe
21. Mai: Umweltminister Schnappauf: "Der Bär ist in Bayern willkommen".
21./22. Mai: In Grainau schlägt er sechs Hühner und vier Tauben und ein paar Kilometer weiter drei Schafe
22. Mai: Umweltminister Schnappauf: "Wir werden den Bären zum Abschuss freigeben"
25. Mai: Steinberg am Rofan: Ein Biker und ein Jäger sichten den Bären nun wieder in Österreich
26. Mai: Ein LKW-Fahrer beobachtet in den frühen Morgenstunden Bruno auf der Inntal-Autobahn bei Schwaz
3./4. Juni: Bruno ist zurück in Bayern und reißt bei Klais Schafe
5./6. Juni: In Leutasch/Tirol bricht Bruno in einen Hasenstall ein
12. Juni: Abends streift der Bär über den Ahornboden/Engalm im Karwendelgebirge
14. Juni: Am Syvensteinspeicher wird Bruno gesehen, er durchschwimmt den See
16. Juni: Bruno maschiert durch Kochel a. See direkt an der Polizeistation vorbei
Am gleichen Tag wird er am Brauneck von einem Hund gestellt und entkommt dem Fangteam
18. Juni: In Kochel a. See zerstört er einen Bienenstock und tötet einen Hasen und ein Meerschweinchen
21. Juni: Bruno bricht in einen Hühnerstall ein und wird zweimal von Hunden gestellt und entkommt
23. Juni: Die Regierung von Oberbayern erlässt die Genehmigung für den Abschuss
24. Juni: Zwei Berg-Kameraden beobachten und fotografieren Bruno stundenlang, auch beim Baden im See, sie
informieren im 10-Minuten-Takt die Polizei und hoffen, dass der Bär nun eingefangen wird
25. Juni: Auch in Tirol wird der Bär zum Abschuss freigegeben.
Bayerische und Tiroler Jägern weigern sich, den Abschuss zu tätigen.
26. Juni: Um 4.30 Uhr wird der Bär auf der Kümpflalm am Spitzingsee mit zwei Schüssen erlegt.
Der Bär, der Träume weckte, der Freiheit und Wildnis nach Bayern zurückbrachte, der aber auch
Wut und Hass auslöste ist tot.