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Hunde erinnern uns daran, was wirklich wichtig ist
Artikel von Juli Zeh für FOCUS Magazin
Vom Glück, ein Tier zum Freund zu haben: Bestsellerautorin Juli Zeh erklärt ihre Liebe zu ihren Vierbeinern und schreibt über das Geheimnis einer innigen Beziehung, der besonderen Partnerschaft von Mensch und Hund.

Seit ich denken kann, habe ich mir einen Hund gewünscht. Als Kleinkind wackelte ich zum Entsetzen meiner Eltern auf jeden Wauwau zu, um mich von ihm abschlecken zu lassen. Als größeres Mädchen führte ich Nachbarshunde aus. Aber das war nicht dasselbe. Ich wollte einen eigenen Hund. Einen, der vor Freude ausrastet, wenn ich nach Hause komme. Der nachmittags mit mir durch die Wälder streift. Der nachts vor meinem Bett schläft und dabei glücklich seufzt.
Meine Eltern rechneten verbleibende Schulzeit gegen die durchschnittliche Lebenserwartung eines Haushunds. „Irgendwann gehst du studieren, und wir bleiben auf deinem Vierbeiner sitzen.“ In meinen Ohren ein völlig absurdes Argument. Niemals hätte ich meinen besten Freund zurückgelassen. Aber wie sollte ich das beweisen? Es blieb beim Nein.

Stattdessen hatten wir eine Katze, die mich nachts weckte, um mir eine Maus, einen Vogel oder einen Goldfisch aus dem Teich der Nachbarn zu bringen. Sorgfältig achtete sie darauf, ihre Opfer am Leben zu lassen. Unversehrte Beutetiere kaufte ich ihr gegen eine Scheibe Kochschinken ab. Die Katze fraß ihren Lohn, ich ließ das verängstigte Wesen im Garten frei.
Der Hund teilt unser Leben

Für den Rest der Nacht erholte sich die Katze in meinem Bett von den Anstrengungen ihres Jagdzugs. Wir bildeten eine perfekte Symbiose. So sehr ich die Katze liebte und ihre Klugheit bewunderte – ein echter Freund war sie nicht. Eher eine Mischung aus Geschäftspartner, Untermieter und Diktator im Stofftierkostüm.

Hunde sind anders als andere Tiere. Sie müssen nicht „gehalten“ werden. Sie brauchen keine Gehege, Ställe oder Käfige. Nicht einmal eine Katzenklappe, denn ohne ihren Menschen wollen die meisten sowieso nicht raus. Kein Papagei oder Meerschweinchen wäre freiwillig bereit, sein Frauchen in eine U-Bahn zu begleiten, auf einen Flohmarkt oder in ein überfülltes Café. Ein Hund ist kein halb gezähmtes Wildtier. Er teilt unser Leben, mitten im Herzen der Zivilisation.

Zu Hause sah ich der Ehe meiner Eltern beim Scheitern zu. In der Schule war ich für die Coolen nicht cool und für die Uncoolen nicht verzweifelt genug. Ich empfand heftigen Widerwillen gegen das permanente soziale Gerangel. Ich wollte jemanden, der an meiner Seite ist. Einfach so. Einen Freund, der Zuneigung nicht als Währung betrachtet.

Wer weiß denn heutzutage noch, was bedingungslose Loyalität bedeutet? Für die meisten Menschen stehen persönliche Bedürfnisse im Vordergrund. Wenn die Kollegen nerven, wechselt man den Job. Wenn die Wohnung nicht schön genug ist, zieht man um. Wenn der Lebensgefährte nicht ausreichend performt, trennt man sich.

Nicht nur das Internet, auch zwischenmenschliche Beziehungen verwandeln sich zusehends in Bewertungsapparate. Alles wird ständig geratet, gescort und evaluiert. Und am Ende haben alle Burnout und beschweren sich über die Beschleunigung.

Nie wieder allein
Ein Hund sendet eine ganz andere Botschaft. „Du bist mein Mensch, ganz egal, ob du schön oder hässlich, klug oder dumm, erfolgreich oder gescheitert bist. Wedel, wedel, wedel! Ich gehöre zu dir.“ Schon immer galt der Hund als unser treuester Gefährte. In den unruhigen Gewässern der Leistungsgesellschaft wird er zur Rettungsinsel.

Am ersten Morgen in meiner ersten eigenen Wohnung – ich war gerade 19 geworden – schlug ich im Anzeigenteil der Regionalzeitung die Rubrik „Vermischtes“ auf. Wenige Tage später fuhr ich in die Eifel und kehrte mit etwas Vermischtem zurück: einem wuscheligen schwarzen Hundewelpen.

Als Othello die erste Topfpflanze zu Konfetti verarbeitet hatte, wusste ich, dass nun mein richtiges Leben begann. Nicht weil ich von zu Hause ausgezogen war. Sondern weil ich nie wieder allein sein würde. Eins hatte ich in meiner zerfallenen Familie gelernt: Menschen haben die Angewohnheit, einander irgendwann nicht mehr gut zu finden und zu verlassen. Hunde nicht.

Othello ist immer dabei
In den folgenden 15 Jahren führten Othello und ich eine Beziehung, die jeder Nicht-Hundebesitzer bestenfalls als plemplem bezeichnen würde. Wir waren im wahrsten Sinne des Wortes unzertrennlich. Othello absolvierte ein komplettes Jurastudium im In- und Ausland, bereiste viele Länder, schlief in unzähligen Hotels, war Stammgast in Kneipen und Restaurants, ging regelmäßig ins Kino und manchmal sogar ins Theater.

Obwohl er groß und wollig war wie ein schwarzes Schaf, besaß er die Fähigkeit, sich praktisch unsichtbar zu machen. Egal, ob im Hörsaal, im Reisebus oder ICE – er legte sich auf die Seite und ließ sich von mir unter den jeweiligen Sitz schieben, wo er sich, wenn es sein musste, stundenlang nicht bewegte.

Das Einzige, was Othello nicht konnte, war allein sein. Wenn ich ihn ausnahmsweise in der Wohnung zurücklassen musste, heulte er wie ein Wolf, bis sich die Nachbarn beschwerten.

Ein Sozialakrobat, ein echter Charmeur
An der Uni fand Othello schneller Freunde als ich. Er verschwand im Getümmel, begrüßte seine Bekannten, wusste genau, wer Leckerlis dabeihatte oder wer bereit war, den unverzichtbaren Tennisball zu werfen. Im Gegensatz zu mir war er ein Sozialakrobat, ein echter Charmeur. Kein Wunder, dass ich meine besten Freundinnen und in gewisser Weise auch meinen späteren Mann über ihn kennenlernte. Vor allem brachte Othello mir die wichtigste Lektion meines Lebens bei: Ich bin es wert, dass man zu mir hält.

Von Nicht-Hundebesitzern höre ich gelegentlich Äußerungen wie: „Ach, so ein Hund ist schon toll, aber auch eine unheimliche Belastung. Für ein Tier sorgen zu müssen schränkt doch die Freiheit erheblich ein.“ In solchen Sätzen erklingt das ganze Problem der modernen Lebensart. Ist Freiheit wirklich ein Synonym dafür, überhaupt keine Verantwortung mehr zu tragen? Stellen ein Kind, ein Hund, ein Hamster tatsächlich schon zu viel Beschränkung des vergötterten Egos dar?

Hunde bringen Struktur und Routine - und zeigen, was Freiheit bedeutet
Wenn ich die letzten Jahrzehnte rekapituliere, habe ich nicht den Eindruck, dass uns Individualismus und Selbstverwirklichung so viel gebracht haben. Die meisten Leute sind unzufrieden und leiden unter Stress. Nicht wenige halten das sogar für ein politisches Problem und wählen destruktive Parteien. Vielleicht sollten wir uns mal daran erinnern, was Freiheit in Wahrheit bedeutet: sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Nur dann kann man einem anderen die Treue halten. Und nur dann bekommt man diese Treue auch zurück.

Ein Hund führt uns das vor. Außerdem bringt er Struktur und Routine in den Alltag. Er veranlasst uns zu langen Spaziergängen und ausgiebigen Streichelmeditationen. Er fordert uns zum Spielen auf und bringt uns zum Lachen. Entschleunigung pur. Und da soll es dann schlimm sein, ein Urlaubsziel so zu wählen, dass der Hund mitkommen kann?

Auf einer unserer Fahrten nach Bosnien und Herzegowina fanden Othello und ich einen gelben Hundewelpen in einem Landminenfeld und nahmen ihn mit nach Hause. Kaum in Deutschland angekommen, musste Olga schon im zarten Kleinkindalter mit Othello und mir auf Lesereise. Sie kotzte das Auto voll, zerkaute Hotelhandtücher, hinterließ Pipi-Flecken auf jedem Buchhändlerteppich der Republik und versuchte gelegentlich, die übergeschlagenen Beine von Literaturbegeisterten in der ersten Reihe zu begatten.

Olga war niedlich, aber sie war und blieb ein Problemkind. Die Wildnis, aus der sie stammte, trug sie im Blut. Als sie größer wurde, verteidigte sie die Wohnung gegen gute Freunde und Kneipentische gegen den Kellner. Sie hasste Betrunkene und schnappte zu, wenn jemand sie gegen ihren Willen berührte. Wir zogen aufs Land. In den dünn besiedelten Weiten Brandenburgs blühte Olga förmlich auf. Sie freundete sich mit den Nachbarn an und raste in atemberaubendem Tempo über die Felder. Ihre Treue war unverbrüchlich. Wenn es nötig geworden wäre, hätte sie wahrscheinlich ihr Leben gelassen, um mich zu beschützen.

Othello starb mit 15, Olga einige Jahre später im Alter von 16. Wenn ich an die beiden denke, überfluten mich Liebe und Trauer noch immer wie eine heiße Woge. Tatsächlich haben wir nach Olgas Tod kurz darüber nachgedacht, ob ein hundefreies Leben nicht unkomplizierter wäre, zumal wir inzwischen zwei kleine Kinder hatten. Aber Hand aufs Herz – ein Leben ohne Hund?

Ich durchsuchte das Internet nach einem Multifunktionstisch in Hundegestalt. Kinderfreundlich. Kein Jagdtrieb, kein Bellen, keine Aggression. Klein genug, um auf Flugreisen gut in die Transportkiste zu passen.

Für sie sind wir das tollste Rudel der Welt
So kam Yuki zu uns, klein, schwarz-weiß, mit Glubschaugen, schiefen Zähnen und einem komischen Kringelschwanz. Ein Ausbund an Euphorie und Lebensfreude. Sie erinnert mich ein wenig an Othello. Sie hat wesentlich mehr Bekannte als wir. Das ganze Dorf ist ihr verfallen.

Wo sie auch hinkommt, wird sie mit großem Hallo begrüßt, vor allem frühmorgens an der Bushaltestelle, wo 20 Kinder auf die Fahrt zur Schule warten. Natürlich ist das Leben mit Kindern anders geworden. Gedrängter. Konzentrierter. Ich streife nicht mehr stundenlang durch die Wälder. Auch die Streichelmeditationen sind kürzer als früher. Manchmal rauschen die Tage einfach so vorbei, halb Chaos, halb Logistikmaschine, und alle Beteiligten müssen sehen, dass sie irgendwie Schritt halten.

Yuki verbringt große Teile ihrer Zeit auf Kindergeburtstagen, in Reitställen oder am Rand von Fußballplätzen. Für sie sind wir trotzdem das tollste Rudel der Welt. Sie findet überall Spielkameraden und ist glücklich, solange sie dabei sein darf.

Tiefe Dankbarkeit
Am Wochenende gehe ich manchmal mit ihr in den Wald, ohne Kinder, ohne Agenda. Wir rascheln durch herabgefallene Blätter, werfen Stöckchen, schrecken einen Hasen auf. Wenn ich dann in ihr lachendes Gesicht blicke, wenn ich beobachte, wie sie ihren gekringelten Schwanz fröhlich durch unsere verwirrende, manchmal bedrohliche Welt trägt – dann empfinde ich tiefe Dankbarkeit.

Im Grunde vermögen wir Menschen so wenig. Unsere Hunde zeigen uns immer wieder, was wir wirklich können. Nämlich lieben. Einander. Das Leben. Und natürlich den Hund.

Quelle: Text, FOCUS Magazin | Nr. 44 (2019) WISSEN